Evangelischer Glaube bedeutet jedoch mehr als die Zugehörigkeit zur Kirche. Evangelisch sein heißt am Evangelium orientiert. Es ist gute evangelische Tradition, sich an dem zu orientieren, was in der Bibel steht. Doch woran erkennt man evangelischen Glauben, was macht die protestantische Kirche aus? Im Folgenden finden Sie einige markante Merkmale, die "typisch evangelisch" sind:
1. Kein Papst und keine Heiligen
Im Gegensatz zu Katholiken haben Protestanten keinen Papst – kein geistiges Oberhaupt, keinen Heiligen Stuhl, keinen Kirchenstaat. Generell lassen sich evangelische Christen in Sachen Glauben und Leben so schnell nichts vorschreiben. Für Protestanten sind Geistliche vielmehr fehlbare Menschen wie alle anderen. Auf der anderen Seite sind alle Gläubigen gleichermaßen Priester. Nach evangelischer Auffassung steht jeder Mensch selbst vor Gott und braucht keinen Stellvertreter. Deswegen gibt es auch keine Heiligen, die Fürsprache bei Gott einlegen. Protestanten begehen dementsprechend keine Namenstage, und evangelische Kirchen fallen in der Regel schlichter aus als katholische: ohne Seitenaltäre, Statuen oder sonstige Kulteinrichtungen zu Ehren einzelner Heiliger.
Die Menschen, die an der Spitze der evangelischen Kirche stehen, wie beispielsweise ein Kirchenpräsident oder eine Bischöfin, halten keine Audienzen und erlassen keine Dogmen. Sie verstehen sich als Funktionsträger ihrer Kirche – als Arbeiter im Weinberg des Herrn. Dazu werden sie von den Gemeinden und der Gemeinschaft ihrer Kirche gewählt und bestimmt – und hoffen auf Gottes Segen bei ihrem Tun.
2. Wortgottesdienste und die Bibel in deutscher Sprache
Typisch evangelisch ist der sogenannte Wortgottesdienst, mit Predigt und Bibelauslegung. Das gepredigte Wort Gottes spielt die Hauptrolle, nicht die Liturgie oder das Abendmahl. Die Bibel gilt dabei als die Grundlage des Glaubens und wird als solche für die aktuelle Hörer- und Leserschaft immer wieder neu ausgelegt. Die Tatsache, dass wir die Bibel heute auf Deutsch lesen können, ist eine evangelische Errungenschaft. Martin Luther war der erste, der die Heilige Schrift ins Deutsche übersetzte. Zuvor gab es nur lateinische, altgriechische oder hebräische Ausgaben biblischer Texte. Seit Martin Luther kann jeder lesen, was in der Bibel steht, die Texte auslegen und zitieren – eine wichtige Voraussetzung für das "Priestertum aller Gläubigen".
3. Gute Taten für andere – und nicht für sich selbst
Nach protestantischem Glauben verliert ein Mensch die liebevolle Zuwendung Gottes selbst durch die schlimmsten Vergehen nicht. Gott wendet sich allen Menschen aus Gnade zu – das heißt, völlig unabhängig von menschlicher Bemühung und Leistung. Dies bedeutet jedoch nicht, dass man tun und lassen kann, was man will. Auch Protestanten sollten sich in guten Taten üben – jedoch nicht, um die eigene Haut zu retten, sondern um ihrer Mitmenschen willen.
4. Keine Beichtstühle, sondern Gespräche unter Menschen
In evangelischen Kirchen sind Beichtstühle unüblich. Das heißt aber nicht, dass Protestanten nichts falsch machen im Leben oder nicht darüber reden. Wenn jemand schwer trägt an einer Schuld, kann er sich einem Pfarrer oder einer Pfarrerin anvertrauen. Davon dringt genauso wenig nach außen wie aus dem katholischen Beichtstuhl: Die Seelsorgegespräche unterliegen, wie die Beichte, der Schweigepflicht. Im Gegensatz zur katholischen Beichte, bei der der Pfarrer oder die Pfarrerin im Namen Gottes straft und vergibt, bleibt das evangelische Seelsorgegespräch zwischen Pfarrer oder Pfarrerin und einem Gemeindemitglied ein Gespräch unter Menschen. Freisprechen, so die Vorstellung der Protestanten, kann uns nur Gott selber. Und wenn er es tut, dann tut er es aus Gnade, und nicht weil wir mit allerlei Bemühungen etwas dafür getan hätten.
5. Abendmahl von allen – für alle
In der evangelischen Kirche gibt es beim Abendmahl nicht nur zu essen (eine Oblate), sondern auch etwas zu trinken – zumeist Wein oder Traubensaft aus einem Kelch. Nach evangelischer Auffassung beginnt das Abendmahl mit den sogenannten Einsetzungsworten, die normalerweise ein ordinierter Pfarrer oder eine ordinierte Pfarrerin spricht – in Ausnahmefällen aber auch ein Getaufter, der von der Gemeinde beauftragt werden kann. Dies ist in der katholischen Kirche anders: Dort kann und darf nur ein geweihter Priester die Einsetzungsworte und das sogenannte Hochgebet sprechen, in dem Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandelt werden.
6. Frauen und Kinder
In der evangelischen Kirche gibt es Pastorinnen, die zudem noch verheiratet sein und Kinder haben können. Denn für Protestanten ist das Pfarramt ein Beruf wie jeder andere auch. Für die allermeisten reformatorischen Kirchen spricht darum nichts dagegen, auch Frauen ins Pfarramt zu ordinieren. Martin Luther hat damals als Mönch geheiratet und eine Familie gegründet, das steht seither auch allen anderen protestantischen Pfarrerinnen und Pfarrern zu. Ein katholischer Priester dagegen ist an den Zölibat, Ehelosigkeit und sexuelle Enthaltsamkeit gebunden. Eine Priesterweihe von Frauen findet in der katholischen Kirche bis heute nicht statt.
Quelle: In Anlehnung an www.evangelisch.de/kompass/evangelisch-werden/typisch-evangelisch-was-ist-das-eigentlich-ein-steckbrief34277
Warum Menschen evangelisch sind, lesen Sie hier: http://kirche-im-aufbruch.ekd.de/zukunftswerkstatt/mitmachaktion_evangelisch_weil.php
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